Ab und an, vor allem in letzter Zeit, bin ich relativ faul. Und dann fahr ich halt mit der Straßenbahn. Die Nummer 11 fährt fast direkt vor meine Haustür und manchmal sitzt auch dieser Typ in der Fahrerkabine, der die schönsten Ansagen macht, weil er seinen Job scheinbar ziemlich liebt.

Aber: not today, eigentlich ist es noch schlimmer – aber auch fast schöner. Als ich schnell einen Platz in einem der Zweisitzer finde, fällt mir bald schon das junge Pärchen im Sitz neben mir auf. Zusammen sind sie nicht, eher nur zum Saufen und dies das. Das Mädchen, ungefähr 17, könnte Angelique Patricia heißen oder so. Ein typischer Fall von Chantalismus.



Weiter im Text.

Eigentlich ist Angelique Shanya ganz hübsch: ihre braunen Haare hat sie zu einem glatten Pferdeschwanz gebunden, sie hat eins von diesen Gesichtern, die man eigentlich ganz gern anguckt. Als sie jedoch anfängt zu reden, denk ich mir schnell: „Puh. Lass lieber.“ Ihre Worte formt sie so, als würde sie ständig einen dicken Batzen Ekel-Rotze ausspucken. Angelique Patricia brennt sich sofort in mein Herz, als sich die Türen kurz vor einem jungen Typen schließen und sich ihr schällerndes Widerlichkeits-Gelächter durch den sumpfgrünen Wagen schlängelt.

„Ey was mit Dir, Du kannst nicht so lachen!“

Sagt ihr Typ, der irgendwie auch ein bisschen lässig klingen will, weil er sie irgendwie doch süß findet. Zumindest heimlich. „Jungäää!“, brüllt Angelique Lorina. „Der Schinese Junge. Wie er die Bahn nischt mehr kriegt.“

– „Ey, was mit Dir wirklich. Mach das nicht so laut!“, zischt der Typ. Angelique Manuela kann es aber schnell legitimieren: „Doch man. Ich HASSE Schinesen.“

Alles klar, the game is on, denk ich mir. Und weiter, dass der junge Boy draußen wahrscheinlich noch nicht mal Chinese ist. Und noch weiter, wie absurd es wäre, wenn ich anstelle seiner vor der Bahn gestanden und Angelique Monique gesagt hätte: „Boah, ich hasse Schweden so sehr JUNGE!“.

Allerdings:

Spätestens jetzt hat sie mich ganz in ihren Bann gezogen. Ich höre Menschen auf der Straße so gern zu, vor allem wenn sie so sind wie Angelique Shaniqua. Dann ist es ein bisschen wie Frauentausch ganz nah vor Dir, aber man muss sich nicht erklären, warum man RTL2 einschaltet – weil es ja einfach so in e c h t vor Deiner Nase passiert. Geil!

Während sich die Bahn mühsam durch Hannovers Untergrund entlang windet, starre ich ganz unauffällig in die Gangmitte, um den beiden Rohdiamanten der Öffis-Unterhaltung besser zuhören zu können. Die krass unmerkliche Detektiv-Haltung habe ich mittlerweile fast perfektioniert, sodass, würden Angelique und ihr Boy kurz skeptisch werden und verängstigt wie kleine Meerschweinchen zu mir rübersehen, sie denken würden: „JUNGÄ! Von ihr droht keine Gefahr. Sie ist entweder auf Drogen oder ein armer Knescht, weil sie in ihrem eigenen Leben gefangen ist.“ Ja perfekto! ✔

Nachdem Angelique über ihren Ex-Freund sinniert hat („Es ist WIRKLISCH das beste, dass er mich sitzen lassen hat. Ich habe ihn nochmal auf sein WhatsApp-Foto gesehen und dann sofort Gänsehaut gekriegt. Übelst ekelhaff der Mann!“), fahren wir laut ächzend ins dämmerige Tageslicht. Angelique Armani sieht aus dem Fenster.

Dialoge am Limit.

„Ich kenn mich hier nicht so aus hier. Ich bin eher Linden, deswegen.“, kotzt Angi aus. „Deswegen jetzt. Wo gehn wir jetzt saufen?“
Der Boy will gerade antworten, als sie nach einem Blick auf ihr Handy schnell keuchend schreit: „SCHOCK!“ Innerlich freu ich mich auf’s Stärkste über diese Bahnfahrt, äußerlich bin ich fast kurz erwartungsvoll & gespannt, als sich meine fast durchsichtigen Augenbrauen fast einen cm in meine Stirn erheben. Was für eine dramatische Wende wird die junge Angelique Chantalle nun wieder in ihrem abgerockten Leben erfahren? Ich besinne mich schnell wieder zurück auf meine Trovato-Haltung, um nicht ertappt zu werden.

„Ey Schock Stanley!“
Der Boy ist tatsächlich am Zug: „Wass los.“
„Ey Schock Stanley ist übelste Sorte sauer, ich sage Dir.“

Die Situation ist auch für mich blitzschnell klar: Stanley scheint ziemlich sauer zu sein.

Angelique bringt noch ein bisschen mehr von dem neuen Unbekannten ins Spiel: „Eigentlich sollte ich mit ihn treffen. Aber ich bin nicht da.“
Boy: „Wann.“
Sie: „Jetz.“
Boy: „Wrum?“, bei seiner monotonen Nachfrage verschluckt er das a und hört sich dabei recht dümmlich an.
Sie: „Ja kein Bock. Und außerdem saufen. Naja und dies das und so. Du weißt.“
Boy: „Locker.“
Dialoge am Limit.

Beinah an der Endstation.

Wir biegen in die Zielgrade ein. Das laute Dröhnen des Metalls auf der kaputten Straße übertönt die sentimentale Stille der beiden. „Eiiiiiiiii!“, schreit der Boy johlend. „Wir sind ja voll falsch. Eigentlich hätten wir aussteigen müssen. HAHA! Voll verklatscht, Junge.“ Angelique Aliyah klinkt sich wieder ein. „WAS LOS STRAßENBAHN!“ Straßenbahn: nichts. Scheinbar hat sie vor ihrer Angreiferin zu viel r-e-s-p-e-c-t. „Ich dachte, wir wären 6. Aber sind wir gar nicht oder was!“ Genau in diesem Moment springen die Leuchtbuchstaben der Anzeigetafel von der nächsten Haltestation auf aktuelle Straßenbahnlinie: 11. „Not bad Straßenbahn, not bad“, denk ich mir ganz heimlich und feiere die Ironie des Alltags mit einem kurzen, kaum merklichen Mundwinkelzucken.

Ich werde erst wieder aus meinem innerlichen Feuerwerk herausgerissen, als ich das Surren der Türen höre. Angeliqe Shaliqua ist hingegen nicht tot zu kriegen. „.. ey und ich sage Dir! Es gibt keinen, der mich nicht anmachen kann. KEINEN, ich sage Dir. Aber am schlimmsten sind die Tschetschener.“ Ich erfreue mich kurz an der neuen Völkergruppe. „Ey die Tschetschener, NÄ. Die sind schlimm. Da ist ein Tschetschener, der macht mich immer voll an.“ Meine Freude schlägt in unterschwellige Aggression um. „Aber deswegen bin ich auch mit den Drogendealern befreundet. Wenn der Tschetschener kommt, ruf ich nur so: ‚Ey Tickis!‘ Und dann kommen sie so, wie so Tauben zu sein Herrscher und beschützen mich.“

Unser letzter gemeinsamer Moment.

Wir stehen gemeinsam an der Fußgängerampel und ich weiß: hier trennen sich unsere Wege. Ein letzter gemeinsamer Moment, ein letztes Mal schlagen unsere Herzen im Einklang – dass wir uns nun bald schon vielleicht für immer aus den Augen verlieren, davon lässt sich Angelique Apple Chantalismus Petrulia nichts anmerken. Was für eine starke Frau!

„Ey, warum Du Otto auch kein Auto hast.“, ranzt Angelique ihren Boy ganz neckisch und keck an.
„Ich weiß, Jungä. Aber in ein Monat, da hab ich den. Und dann können wir voll weit weg fahren.“
„Ja man! Lass 100 fahren dann. Und dann so nach Kiel oder so.“

Die Ampel springt auf grün.

 

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